Gelesen IX
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Philip Roth
Mein Mann, der Kommunist
Nathan Zuckerman, alter ego von Philip Roth, besucht seinen alten, inzwischen 90jährigen Englischlehrer Murray Ringold. Die gemeinsame Verbindung ist der Bruder des Lehrers, Ira Ringold, der von Nathan als Jugendlicher verehrt wurde, als er den kommunistischen Ideen der amerikanischen Arbeiter- und Gewerkschaftsführer nacheiferte. Der zeitliche Schwerpunkt des Romans fällt in die McCarthy Ära, als im Verlauf eines hysterischen antikommunistischen Kreuzzuges schwarze Listen von verdächtigen Personen in Umlauf gebracht wurden. Passenderweise erwähnt Philip Roth an einer markanten Stelle des Romans die offensichtliche Analogie zum mittelalterlichen Pranger, der von den Medien des 20. Jahrhunderts flächendeckend und viel effizienter praktiziert wurde, als zu irgendeinem anderen Zeitpunkt der Geschichte. Das Zeitalter von Klatsch und Tratsch als Pfeiler einer permanent denunzierenden Öffentlichkeit ward geboren.
Ira Ringold wächst in jüdischen Verhältnissen auf, umgeben von den üblichen, in Amerika allerdings in einer milderen Form praktizierten, Ressentiments. Er schlägt sich als Gelegenheitsarbeiter durch, erlebt das ihn beherrschende Gewaltpotential seines Milieus, macht schließlich über verschlungene Wege seiner politischen Aktivität Karriere als Held einer Radioserie und wird populär. Durch die Heirat mit einer Hollywoodschauspielerin (Eve Frame) steigt er in die amerikanische High Society auf und erlangt an der Seite seiner glamourösen Frau den Status einer angesehenen Persönlichkeit. Er lebt jedoch immer in der Gefahr, der McCarthy Hetze zum Opfer zu fallen, weil er es nicht vermeiden kann, unvorsichtige Reden zu schwingen. Murry erzählt Nathan die ganze Geschichte vom Niedergang seines Bruders, seiner allmählichen und schließlich totalen Demontage durch die Folgen einer verkorksten Ehe und einer Schlammschlacht der Presse, die Philip Roth hier für alle Zeiten einmal exemplarisch darstellt und beschreibt.
Ein großartiges Werk über die amerikanische Gesellschaft, von einem authentischen Beobachter, der aus dem Innersten berichten kann, weil er ein Teil davon ist. Philip Roth als Nathan Zuckerman greift sarkastisch die Spitzen der Nation an, die großen Meinungsführer (seine kleinen pointierten Portraits über Nixon und Kissinger wollte man doch genau so immer mal gelesen haben), die Manipulatoren an den Schaltzentralen der Macht, deren Berufung aus Lüge und Verrat besteht.
Erschreckend, wie hohl das ganze System dieser gigantischen Scheinwelt in Wirklichkeit ist. Wie man mit gezielten Verdrehungen und perfiden Absurditäten eine ganze Weltöffentlichkeit zum Narren halten kann, haben amerikanische PR-Agenturen bis zur Perfektion demonstriert. Mittlerweile sind wir im 21. Jahrundert angekommen und reiben uns verwundert die Augen darüber, das eigentlich alles so ist wie immer, daß nur neue Pappkameraden aufgestellt und die Marionetten der alten Saison ausgetauscht werden.

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Alan Isler
Klerikale Irrtümer
Edmond Music ist ein hochrangig privilegierter katholischer Geistlicher, der einem elitären kirchlichen Forschungsinstitut vorsteht, das sich in einem prachtvollen alten Herrenhaus inmitten eines noblen britischen Landstrichs befindet. Er ist der Herr über eine kostbare Bibliothek mit erlesenen Werken. Ein ehemaliger verfeindeter Studienkollege ist dem Geheimnis von Music auf der Spur, seiner unentdeckten wahren Identität: Music ist eigentlich Jude, und spielt seine Rolle als Katholik in einer fast perfekten Maskerade. Alan Isler kombiniert in diesem Roman philologische Kabinettstückchen jüdischer Philosophie (wie Philip Roth ist er selbstverständlich Shakespeare-Kenner und geht in diesem Zusammenhang verschiedenen Spuren jüdischer Verquickung nach), die dramatisch und unglücklich endende Liebesgeschichte eines katholischen Geistlichen mit seiner Haushälterin, und den kriminalistischen Eifer des Antagonisten, ein Geheimnis zu lüften, den getarnten Helden der Geschichte zu entlarven. En passant wird die Welt einer buchhändlerischen Obsession geschildert, das Rätsel eines verschollenen Buches gelöst. Alan Isler würzt seinen literarischen Cocktail mit viel Witz, Seitenhieben gegen die Religion als solcher, und stattet seinen Geistlichen mit den Eigenschaften eines modernen Tartuffes aus. Der Leser darf sozusagen Mäuschen spielen unter der (schein)heiligen Soutane eines - gebildeten - katholischen Geistlichen.

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Bernd Heinrich
Laufen
Die "Geschichte einer Leidenschaft" bezieht sich hier nicht nur aufs Laufen. Es handelt sich auch um keines dieser unsäglichen und unzähligen Werke über die Hohlheiten einer Sportler-Seele (damit ist nur gemeint, daß es haufenweise Ratgeber und Selbstdarstellungen zum Thema gibt, die sich in den Kernaussagen kaum unterscheiden), sondern um die fundierte Arbeit des amerikanischen - deutschstämmigen - Biologen Bernd Heinrich, der als Nebenaspekt seiner wissenschaftlichen Tätigkeit die Hintergründe seiner Sportart, im Speziellen die Voraussetzungen und Bedingungen von extremer Ausdauer untersucht. Als Ultra-Marathon-Läufer erzielte er im Alter von 41 Jahren eine Weltbestzeit, die 14 Jahre bestand. Neben seinen Trainingsmethoden schildert er die Arbeitsweise eines Biologen, der komplexe physiologische Prozesse eines menschlichen Ausdauersportlers mit Beobachtungen aus dem Tierreich vergleicht. Die Ergebnisse seiner Forschung wendete er systematisch auf sich selbst als Versuchsperson an. Faszinierend an seinem Buch "Laufen" ist, neben vielen interessanten und lesenswerten Details der biologischen Forschung, die zentrale Erkenntnis, daß mit einer systematischen Methodik sozusagen eine geplante Selbstprogrammierung möglich ist. Bernd Heinrich gewann nach mehrjährigen Forschungen und entsprechend angepaßtem Langzeit-Training als totaler Außenseiter den Ultra-Marathon (100km) Chicago 1981 gegen favorisierte Profis.

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Bernd Heinrich
Die Seele der Raben
- Eine zoologische Detektivgeschichte
"Von der Antike bis zur Gegenwart wurde über die Raben mehr geschrieben als über jeden anderen Vogel; in den Mythen und Legenden vieler Völker spielen sie eine Hauptrolle. Aber nie sind sie aus solcher Nähe und mit solcher Kenntnis, mit soviel Respekt und Begeisterung porträtiert worden wie in Bernd Heinrichs Studie.
An einem kalten Oktobertag im Jahre 1984 beobachtet er, wie ein Rabenschwarm das Futter teilte und ganz offensichtlich andere Raben herbeirief, um mitzufressen. Dieses für wildlebende Tiere untypische Verhalten beeindruckte ihn so, daß er beschloß, sein Forschungssemester in Camp Kafluk im westlichen Maine zu verbringen, um das Sozialverhalten der Kolkraben zu erforschen. Dieses Vorhaben erstreckte sich über vier kalte Winter in den tiefen Wäldern Maines ..." - aus dem Klappentext dieses leider vergriffenen und nur noch in antiquarischen Restbeständen erhältlichen Werkes, das einen Wissenschaftler bei der Feldforschung zeigt. Interessant für Kenner von Dawkins Werk "Das egoistische Gen" ist die Tatsache, daß sich Heinrich hier auch auf die "Evolution der Kooperation" bezieht. Für außergewöhnliche und über Jahre praktizierte Schinderei der Feldforschung gibt es von Bernd Heinrich einen lakonischen Kommentar auf S. 217 der hier abgebildeten Ausgabe: "Wie Erasmus sagte: Die höchste Form des Segens ist es, mit einem bestimmten Grad von Wahn zu leben."

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Kurt Vonnegut
Mann ohne Land
Auszüge
"Wißt ihr, die Wahrheit kann echt starker Tobak sein. Man erwartet das gar nicht."
" ... Ich werde die Brown & Williamson Tobacco Company, die Hersteller von Pall Mall-Zigaretten, auf eine Milliarde Otzen verklagen! Seit ich gerade mal zwölf Jahre alt war, habe ich nie etwas anderes kettegeraucht als filterlose Pall Malls. Und seit vielen Jahren versprechen jetzt schon Brown und Williamson, direkt auf der Packung, mich umzubringen. Aber ich bin zweiundachtzig. Vielen herzlichen Dank, ihr miesen Ratten."
"Kann ich euch die Wahrheit sagen? Ich meine, das sind hier ja nicht die Fernsehnachrichten, stimmt's? ... Wir sind alle fossilbrennstoffsüchtig im Stadium der Leugnung. Und wie so viele Süchtige, denen der Entzug bevorsteht, begehen unsere Führer Gewaltverbrechen, um an das bißchen, was von dem, wonach wir süchtig sind, noch übrig ist, ranzukommen."
"Was hätte Abraham Lincoln zu Amerikas imperialistischen Kriegen zu sagen, den Kriegen, die, unter dem einen oder anderen edlen Vorwand, darauf abzielen, die natürlichen Ressourcen und das Reservoir an zahmen Arbeitskräften der reichsten Amerikaner mit den besten Verbindungen zu vergrößern?"
"Remember the Alamo? Mit der Schlacht haben wir uns Kalifornien angeeignet sowie eine Menge fremder Menschen und Besitztümer, und das haben wir gemacht, als wäre das Abschlachten mexikanischer Soldaten, die lediglich ihre Heimat gegen Invasoren verteidigten, kein Mord. Was sonst noch für Zeug außer Kalifornien? Na ja, Texas, Utah, Nevada, Arizona sowie Teile von New Mexico, Colorado und Wyoming."
"Und wo wir gerade von Präsidenten sprechen, die sich in den Krieg stürzen, wißt ihr, warum George W. Bush so stinksauer auf Araber ist? Sie haben uns Algebra gebracht. Ebenso die Zahlen, die wir verwenden, inklusive ein Symbol für Nichts, was die Europäer nie zuvor gehabt haben. Glaubt ihr, Araber wären dumm? Versucht mal, mit römischen Ziffern schriftlich zu dividieren."
"Was halten die Humanisten von Jesus? Ich sage über Jesus, wie alle Humanisten: Wenn das, was er gesagt hat, gut ist, und so vieles davon ist absolut wunderschön, was macht es dann aus, ob er Gott war oder nicht?"
"Falls ihr es noch nicht mitgekriegt habt: Wir werden jetzt weltweit so gefürchtet und gehaßt wie einst die Nazis. Und das aus gutem Grund. Falls ihr es noch nicht mitgekriegt habt: Unsere ungewählten Führer haben Millionen und Abermillionen von Menschenwesen nur wegen ihrer Religion und Rasse entmenschlicht. Wir verwundense und bringense um und folternse und kerkernse ein, mehr wollnwanich."
"Ich wurde mal gefragt, ob ich irgendwelche Ideen für eine wirklich gruselige Reality-TV-Show habe. Ich habe eine Reality-Show, die euch wirklich die Haare zu Berge stehen lassen würde: Yale-Studenten mit der Abschlußnote 3. George W. Bush hat 3er-Studenten aus der allerbesten Gesellschaft um sich versammelt, die nichts von Geschichte oder Geographie verstehen, plus gar nicht mal so verstohlene Verfechter der Vorherrschaft der weißen Rasse, auch als Christen bekannt, sowie, plus, am beängstigendsten, psychopathische Persönlichkeiten, oder PPs, der medizinische Ausdruck für schlaue, umgängliche Menschen, die kein Gewissen haben."
"Unsere täglichen Nachrichtenquellen, Zeitungen und Fernsehen, sind inzwischen im Dienste des amerikanischen Volks so feige, so unwachsam, so uninformativ, daß wir nur noch aus Büchern erfahren, was wirklich los ist."
"Und, hey, hört zu, es ist an der Zeit, Gott dafür zu danken, daß wir in einem Land leben, in dem selbst die Armen übergewichtig sind."

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Wertung:
5 Sterne: Keine Diskussion. Lesebefehl.
4 Sterne: Lesegenuß mit kleinen Abstrichen.
3 Sterne: Interessant für zwischendurch.
2 Sterne: Der Autor hat seine Hausaufgaben gemacht.
1 Sterne: Hier stimmt so gut wie nichts.
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Stand: 9. Juli 2009
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