Gelesen VIII
Letzte Empfehlungen
Richard Dawkins - Der Gotteswahn

Als moderner Nachfolger Darwins, also genialer Biologe, gefällt mir Dawkins eindeutig besser. Als Religionskritiker beschreibt und kommentiert er zwar viele Auswüchse des Glaubens, die in den Bereich der Psycho-Pathologie fallen – daher auch der passende Titel -, durchdringt in letzter Konsequenz jedoch nicht das Wesentliche, die eigentlichen Schwerpunkte des Glaubens. Eine Antwort auf die Frage, warum Menschen glauben, liefert er nicht, dafür aber eine Unzahl an Fakten und Begebenheiten über den Unsinn der Religionen, die man nach dem Lesen aber auch schnell wieder vergisst, so eindrucksvoll sie auf den ersten Blick auch sein mögen. Mit seiner Fortführung der klassischen Evolutionstheorie ärgert Dawkins das theologische und sonstige Dunkelmännerpotential der führenden Religionen wahrscheinlich viel mehr. Dennoch gilt es, weiterhin 1 Auge auf den christlichen Fundamentalismus in Amerika zu haben.
dawkins_cover
Luis Buñuel
Mein letzter Seufzer

Lebenserinnerungen eines authentischen Surrealisten. Von Beginn an gehört Bunuel zum Kreis der Kunst-Revolutionäre, die das Denken und Fühlen aus dem Gleichgewicht der Anpassung brachten. Bis zum Ende seines Lebens bleibt er ein konsequenter Pfeiler der Bewegung, die inhaltlich nichts von der Kraft eingebüßt hat, die der subversiven Phantasie naturgemäß innewohnt. Bunuel schildert seine Entwicklung von Kindheit an, mit Wärme, Humor und lakonischem Esprit. Es entfaltet sich ein Leben, in das man als Leser gerne eintaucht, um vielleicht ein Teil des Universums zu werden, das den Gedanken der Freiheit bewahrt. Die persönliche Biografie Buñuels und der entsprechende zeitliche Abstand zur Gegenwart zeigt auf erschreckende Weise, wie rasant wir uns auf eine intellektuell und künstlerisch völlig verarmte Gesellschaft zubewegen.

bunuel_cover
John Dos Passos
Manhattan Transfer

Menschen im New York der 20er Jahre, in verschiedenen Szenerien aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet, festgehalten in kleinen athmosphärischen Skizzen, zusammengetragen zu einer großen Prosacollage aus Stadtkolorit, Dialogen, Portraits und mehrfach gebrochenen Handlungssträngen. Stilistisch bisweilen auf höchstem Niveau, man fühlt sich an Ulysses, James Joyce Dublin Panorama, erinnert; John Dos Passos geht jedoch vergleichsweise geordneter vor, seziert die urbanen Gebilde aus Straßenschluchten und Wolkenkratzern, entlarvt das Innenleben der unsteten Kulisse mit Röntgenblicken. Außerdem erarbeitet Dos Passos am Rande einen romanhaften Sozialreport über die individuellen Lebenshintergründe seiner Protagonisten. Marginal sind die Anklänge zeitgenössisch diskutierter Vorstellungen eines nebulösen Sozialismus, beeinflußt durch seine Bewunderung der IWW (Industrial Workers of the World).

cover_dospassos
Karlheinz Deschner
Mit Gott und den Faschisten

Nur noch in Restbeständen antiquarisch verfügbar. Ein zentrales und wichtiges Werk Deschners, dass die Schwerpunkte seiner Arbeit schon im Titel trägt. Historische Bestandsaufnahme der klerikalen und faschistischen Vereinahmung Europas. Wie eng und offen der Vatikan mit den Faschisten gemeinsame Sache gemacht hat, war und ist der Öffentlichkeit nicht nur nicht bewußt, sondern wird bis heute von den gleichen Schaltzentralen der Macht mit den subtilen Methoden der medientechnischen Desinformation verschleiert.
Das Buch hat den Untertitel "Der Vatikan im Bunde mit Mussolini, Franco, Hitler und Pavelic" und belegt mit einer enormen Fülle an Fakten den weitreichenden Einfluss der katholischen Hierarchie in Europa. Das Buch untersucht die politische und mentale Verfilzung von Regierungen, Parteien und Hochfinanz mit den moralischen Würdenträgern einer mehr als fragwürdigen Kirche.

deschner_cover
André Breton
Entretiens - Gespräche

Ein kleines, aber gehaltvolles Buch von und mit dem Kopf und Organisator der surrealistischen Bewegung. Ganz nebenbei wird hier der überzeugende Beweis geführt, dass es keine bessere Primärquelle als den Originalton respektive literarische und künstlerische Originalaussagen gibt. Über Breton geistern Halbwahrheiten, diffuse Beleuchtungen, verfälschende und unautorisierte biografische Studien, und wenn man genau hinschaut, auch schwelender Haß im Orbit herum. Hier aber gibt es 1952 für den französischen Rundfunk aufgezeichnete Gespräche und Interviews mit dem Original. Breton nimmt Stellung zu allen relevanten Fragen und Themen des Surrealismus und schafft in vielerlei Beziehung eindeutige Klarheit für den Leser ("... Gegenüber der Religion bleibt der surrealistische Standpunkt ebenso unbestechlich wie am ersten Tag ..."). Fundus 141, Verlag der Kunst

breton_cover
Wertung:
5
Sterne: Keine Diskussion. Lesebefehl.
4 Sterne: Lesegenuß mit kleinen Abstrichen.
3 Sterne: Interessant für zwischendurch.
2 Sterne: Der Autor hat seine Hausaufgaben gemacht.
1 Sterne: Hier stimmt so gut wie nichts.
Stand: 25. Juli 2008